Der pflegebedürftige Vater, die Partnerin mit Demenzdiagnose, das eigene Kind nach einem Unfall: Pflege trifft Beschäftigte selten geplant, sondern oft von heute auf morgen und mitten im Berufsalltag. Und die Zahlen zeigen, wie relevant das Thema für Unternehmen ist: 8 % der Erwerbstätigen in Deutschland pflegen bereits einen Angehörigen, Tendenz steigend. Für viele wird der Spagat zwischen Job und Pflegeverantwortung zur Dauerbelastung – mit Folgen für Gesundheit, Leistungsfähigkeit und nicht selten auch für die berufliche Zukunft.
Für Unternehmen stellt sich damit eine praktische Frage: Wie lässt sich Pflege im Betrieb mitdenken, bevor der Ernstfall eintritt? Für unsere Reihe „Short but smart“ haben wir dazu mit Adelheid von Spee gesprochen. Sie ist beim Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) im Servicezentrum Pflegevereinbarkeit NRW tätig und berät seit Jahren Unternehmen dabei, eine pflegesensible Personalpolitik zu entwickeln. Im Interview spricht sie darüber, warum Pflegevereinbarkeit längst auch Unternehmenssache ist, welche Maßnahmen wirklich helfen und wie ein offener Umgang mit dem Thema gelingen kann.
Frau von Spee, Pflege gilt oft noch als reines Privatthema. Warum sollten Unternehmen sich damit aktiv auseinandersetzen, statt alles den Beschäftigten zu überlassen?
Bei der Pflege selbst mag man diskutieren, welche Verantwortung im privaten Umfeld liegt. Bei der Pflegevereinbarkeit greift diese Perspektive jedoch zu kurz. Denn hier geht es um die Frage: Wie können Menschen ihre beruflichen Anforderungen und ihre Pflegeverantwortung miteinander vereinbaren?
Pflege und Pflegevereinbarkeit sind nicht dasselbe. Im Arbeitsalltag werden diese Begriffe häufig synonym verwendet und genau das kann dazu führen, dass Pflege vor allem als private Angelegenheit betrachtet wird.
Bei der Pflegevereinbarkeit treffen die betriebliche Arbeitssituation und die individuelle Pflegesituation aufeinander – also zwei Lebensbereiche. Eine gute Vereinbarkeitslösung entsteht deshalb nicht allein im privaten Umfeld, sondern idealerweise durch einen gemeinsamen Aushandlungsprozess.
Welche konkreten Möglichkeiten haben Unternehmen, gerade kleinere und mittlere, um pflegende Mitarbeitende zu unterstützen, ohne dass es gleich große Budgets oder aufwendige Programme braucht?
Unternehmen können pflegende Mitarbeitende bereits mit einer offenen Gesprächskultur sowie flexiblen, reversiblen Arbeitszeit- und Arbeitsortmodellen unterstützen. Besonders hilfreich ist es zudem, wenn der Arbeitgeber anerkennt, dass sich die Vereinbarkeitssituation mit zunehmender Pflegeintensität dynamisch verändert und Beschäftigte in dieser Phase eine deutlich geringere Planbarkeit ihres Alltags erleben. Ein vertrauensvolles Teamklima mit kurzen Kommunikationswegen erleichtert es, die eigene Pflegeverantwortung offen anzusprechen. So lassen sich frühzeitig gemeinsam mit den Vorgesetzten Notfallpläne für ein plötzliches Ausfallen erstellen. Führungspersonen sollten darin bestärkt werden, das Thema Pflegeverantwortung von sich aus anzusprechen, und für die unterschiedlichen Formen der Pflegevereinbarkeit sowie den damit einhergehenden hohen Mental Load sensibilisiert werden. Über regionale Vernetzung können Unternehmen ihren Mitarbeitenden zudem einen niedrigschwelligen Zugang zu regionaler Pflegeberatung und weiteren Unterstützungsangeboten ermöglichen.
Pflege beginnt häufig unvorbereitet, z. B. nach einem Sturz oder einer Diagnose. Was sollten Führungskräfte tun, wenn eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter plötzlich in so eine Situation gerät?
Mitarbeitende, die plötzlich Pflegeverantwortung im persönlichen Umfeld übernehmen müssen, brauchen Verständnis und oft eine sehr zeitnahe Freistellung, um die neue Situation zu organisieren und die Versorgung sicherzustellen. Für solche nicht planbaren, akuten Situationen sieht das Pflegezeitgesetz für nahe Angehörige die kurzzeitige Arbeitsverhinderung vor. Bei Wege zur Pflege finden Arbeitgeber wie auch Arbeitnehmer ausführliche Informationen und telefonische Beratung. Führungspersonen unterstützen ihre Mitarbeitenden in dieser Akutsituation vor allem, indem sie die Umverteilung oder Neuorganisation der Arbeit für die Zeit der Abwesenheit gestalten.
Was braucht es aus Ihrer Erfahrung, damit Beschäftigte offen ansprechen, dass sie pflegen – ohne Sorge vor Nachteilen im Job?
Beschäftigte sprechen eher offen über ihre Pflegeverantwortung, wenn sie erleben, dass Kolleginnen und Kollegen das ebenfalls tun und dass es ihnen keine Nachteile bringt. Sehr hilfreich ist es auch, wenn Führungspersonen mit eigener Pflegeverantwortung offen über ihre Situation sprechen. Eine weitere kommunikative Hilfe besteht darin, im Unternehmenskontext weniger von „Pflege“ als von „Pflegevereinbarkeit“ zu sprechen. Denn es fällt leichter zu sagen: „Ich habe ein Vereinbarkeitsproblem“ als „Ich habe ein Pflegeproblem“.
Tipp für Unternehmen: Wer betriebliche Pflege-Guides ausbilden möchte, findet über das Landesprogramm „Vereinbarkeit Beruf & Pflege NRW“ eine kostenfreie Qualifizierung – finanziert durch die AOK Rheinland/Hamburg und die AOK NordWest.
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Foto: Adelheid von Spee



