Vereinbarkeit ist Teamsache: Alexander Kipp über Vaterschaft und geteilte Verantwortung

Morgens steht Alexander Kipp als Erster auf. Er packt den Kita-Rucksack, erledigt den Einkauf – und arbeitet seit Kurzem nur noch vier Tage die Woche. Nicht weil er musste, sondern weil er wollte: mehr Zeit, mehr Verantwortung, mehr Gleichberechtigung im Alltag.

Alexander Kipp aus Köln hat seine Arbeitszeit bewusst reduziert, um Familien- und Erwerbsarbeit partnerschaftlich mit seiner Frau zu teilen. Denn solange Care-Arbeit überwiegend an Frauen hängt, bleibt ihre gleichberechtigte Teilhabe am Erwerbsleben schwierig – und echte Gleichstellung lediglich ein Wunsch. Im Interview erzählt er, wie geteilte Verantwortung im Alltag konkret aussieht, welche Absprachen dabei helfen – und warum er überzeugt ist, dass Vereinbarkeit kein individuelles Problem ist, sondern eine Frage der richtigen Rahmenbedingungen.

Wie hat dich deine eigene Sozialisation für deine Vaterrolle geprägt?

Für mich war es immer selbstverständlich, dass in einer Partnerschaft beide Verantwortung übernehmen – unabhängig von klassischen Rollenbildern. Geprägt hat mich meine Kindheit: Mein Vater arbeitete im Schichtdienst und war oft nicht da, hat aber immer gekocht, wenn es möglich war, und die Hausarbeit wurde insgesamt fair verteilt. Dieses Verständnis von geteilter Verantwortung habe ich übernommen. Bis heute übernimmt mein Vater auch als Opa immer noch Care Arbeit und kümmert sich regelmäßig liebevoll um seinen Enkel.

Natürlich gibt es Haushaltsaufgaben, die ich weniger gern mache. Das ist für mich jedoch keine Geschlechterfrage, sondern eine Frage persönlicher Vorlieben. Mir ist wichtig, alle Bereiche der Care-Arbeit übernehmen zu können. Verantwortung heißt für mich, sich gleichermaßen einzubringen und nicht „für etwas nicht zuständig“ zu sein. Daher habe ich meine Arbeitszeit nun auch von Vollzeit auf 35 Stunden und eine 4 Tage Woche reduziert – so habe ich mehr Spielraum meinen Anteil zu übernehmen und ein noch gleichberechtigteres Familienmodell zu ermöglichen.

Wie teilt ihr Care- und Erwerbsarbeit auf? Und wie kam es letztlich zu der Entscheidung, die Arbeitszeit zu reduzieren?

Wir versuchen, Care- und Erwerbsarbeit möglichst gleichmäßig zu verteilen – abhängig von unseren Terminplänen. Die Abstimmung erfolgt flexibel, mal eine Woche im Voraus geplant, mal tagesaktuell. Aber es gibt auch viele Absprachen, die bei uns immer gelten. Zum Beispiel bringen wir unser Kind immer abwechselnd ins Bett, währenddessen räumt die andere Person auf und trifft die Vorbereitungen für den nächsten Tag. Meine Frau wäscht unsere Wäsche, ich putze regelmäßig. Ich stehe morgens meistens früher auf als die restlichen Familie und bereite dann den Kita-Rucksack für meinen Sohn vor, auch einkaufen gehe in der Regel ich. Meine Frau kocht, ich räume auf und sorge dafür, dass der Geschirrspüler läuft und die Küche sauber ist. So macht jeder die Sachen, die er oder sie gerne macht. Und kommt mal ein Gefühl von Ungerechtigkeit auf, dann reden wir darüber. Auch bei Krankheit sprechen wir uns tagesaktuell ab – in der Regel bleibt die Person zuhause, die an dem Tag keine oder weniger wichtige Termine im Job hat.

Die Reduzierung meiner Arbeitszeit war ein längerer Entscheidungsprozess. Kita-Ausfälle und Krankheit sind viel einfacher zu stemmen, wenn man einen weiteren freien Tag in der Woche hat. Mit unserem aktuellen Modell hat nun meine Frau einen Tag in der Woche frei und ich einen anderen. Organisatorisch vereinfacht das extrem viel und im besten Falle kann man den freien Tag dann auch mal für Freizeit nutzen. Ich bin überzeugt, dass diese Balance positive Auswirkungen auf Arbeit und Familie hat. Gleichzeitig war es natürlich auch eine finanzielle Abwägung: Bin ich bereit, auf einen Teil des Einkommens zu verzichten und ihn gegen mehr Zeit einzutauschen? Für mich war die Antwort am Ende ja.

Die Reaktionen waren überwiegend positiv. Auffällig war, dass viele Väter die Idee gut fanden, aber selbst noch wenig darüber nachgedacht hatten. Organisatorisch war die Umstellung auf 35 Stunden und eine Vier-Tage-Woche allerdings kein Standardmodell und erforderte zusätzliche Abstimmung.

Welche Auswirkungen hat das auf eure Partnerschaft und euer Kind?

Die partnerschaftliche Aufteilung tut unserer Beziehung gut. Gleichzeitig ist es auch so, dass meine Frau diese Form der Gleichberechtigung ganz selbstverständlich einfordert – sie würde eine einseitige Verteilung gar nicht akzeptieren. Ich nehme zudem wahr, dass ihre persönliche Zufriedenheit größer ist, wenn Verantwortung wirklich geteilt wird. Davon profitiert letztlich die gesamte Familie.

Wichtig ist für uns, dass neben Erwerbs- und Care-Arbeit auch Raum für eigene Zeit bleibt. Meine Frau und ich sind jeweils beide schon mehrere Tage alleine verreist während die andere Person mit Kind zuhause geblieben ist. Diese Freiheit tut gut und diese Auszeiten alleine sorgen für viel mehr Ausgeglichenheit im Alltag. Welche langfristigen Auswirkungen unser Modell auf unser Kind haben wird, wird sich wahrscheinlich erst in der Zukunft zeigen. Ich glaube jedoch, dass wir damit eine gute Basis legen und ein wichtiges Vorbild sind. Von Anfang an war ich für unser Kind selbstverständlich als Bezugsperson da – nicht als „Unterstützung“, sondern als gleichwertiger Elternteil.

Wie erlebst du andere Väter in ihrer Rolle – und was müsste sich ändern, damit mehr Männer Verantwortung in der Care-Arbeit selbstverständlich übernehmen?

In meinem Umfeld gibt es viele engagierte Väter, die ihre Rolle bewusst wahrnehmen. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass dies noch nicht die Regel ist: Oft fehlen positive Vorbilder, und viele Männer wissen gar nicht, welche Möglichkeiten sie für eine aktive Rolle im Familienalltag haben. Klassische Rollenbilder wirken weiterhin nach und prägen Erwartungen, manchmal unbewusst.

Damit mehr Männer Care-Arbeit als selbstverständlichen Teil ihrer Verantwortung übernehmen, braucht es daher sichtbare Vorbilder und neue Rollenbilder. Individuelle Entscheidungen allein reichen aber nicht aus – auch die strukturellen Rahmenbedingungen müssen stimmen. Arbeitszeiten, Einkommensunterschiede und andere Faktoren lassen vielen Paaren sonst wenig Spielraum, ihre Care-Arbeit partnerschaftlich aufzuteilen. Erst wenn diese strukturellen Bedingungen passen, wird Gleichberechtigung im Alltag realistisch umsetzbar.

Foto: Alexander Kipp

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