Wie vereinbart man eine leitende Position in der Geschäftsführung mit dem Familienleben? Bei dem Online-Fotoservice Pixum zeigt Nora Engels, wie moderne Führung in Teilzeit gelingen kann. Seit acht Jahren im Unternehmen und heute Teil einer sechsköpfigen Bereichsleitung, berichtet sie im Interview über das „80/80-Modell“, notwendige Strukturen und warum das bewusste Zurücknehmen der Führungskraft das Wachstum des gesamten Teams fördert.
Frau Engels, Sie sind Teil eines gemischtgeschlechtlichen Führungsteams, das mittlerweile zur Hälfte aus Frauen besteht, von denen einige auch in Teilzeit führen. Welches Signal senden Sie damit in die Organisation?
Ich hoffe, es ermutigt andere Frauen, die vielleicht gedacht haben, Führung und Familie seien nicht miteinander vereinbar. Wenn sie uns erleben, merken sie: Ich kann das machen, ich kann ein Kind kriegen und trotzdem eine Führungsrolle annehmen. Wir sehen heute, dass die Mutterrolle viele Vorteile hat. Sie verändert einen selbst und es gibt sogar einige Parallelen zwischen Erziehung und Führung, an denen man wachsen kann. Dass wir das hier vorleben, hat dazu geführt, dass immer mehr Frauen und auch Männer bei Pixum diesen Weg wählen und wir qualifizierte Mitarbeitende halten und fördern können.
Sie und Ihr Partner praktizieren ein „80/80-Modell“ – beide arbeiten zu 80 Prozent. Wie wurde dieses Modell in Ihrem Umfeld aufgenommen?
Ich hatte damit gerechnet, dass es eine Herausforderung werden würde, Akzeptanz als erste weibliche Pixum-Führungskraft in Teilzeit zu erlangen. Überraschend fand ich jedoch, dass es für meinen Mann noch deutlich schwieriger war, weil man es bei Männern gesellschaftlich noch weniger erwartet. Seine Firma war sehr überrascht, als er in seiner Position eine Stundenreduktion beantragte, da es so etwas dort noch nie gegeben hatte. Doch das Ergebnis war schlussendlich dasselbe wie bei mir: Beide Arbeitgeber haben sich darauf eingelassen und es funktioniert wunderbar. Das öffnet wiederum Türen für andere. Es ist schön zu zeigen, dass es funktioniert, und es schafft die nötige Offenheit in der Unternehmenskultur.
Welche unternehmerischen Strukturen sind Ihrer Erfahrung nach zwingend notwendig, damit Teilzeit auf Führungsebene funktioniert?
Unternehmen müssen Rahmenbedingungen schaffen, welche die nötige Flexibilität für solche Modelle ermöglichen, etwa indem für jedes wichtige Thema jeweils zwei Personen über die nötigen Fähigkeiten und Informationen verfügen. Elternschaft ist ein normaler und wichtiger Teil unserer Gesellschaft und Unternehmen sollten es nicht als unplanbares Privatproblem handhaben, sondern Strukturen aufbauen, die es ermöglichen, die nächsten Generationen großzuziehen. Wir nutzen hier zum Beispiel Remote-Arbeit, haben einen Eltern-Kind-Raum für Betreuungsengpässe eingerichtet und bieten ein „Keep in Touch“-Programm an, um während der Elternzeit die Verbindung aufrecht zu halten. Auch eine gewisse Flexibilität bei „Kind-krank-Tagen“ ist wichtig und wird bei uns unkompliziert gehandhabt.
Wenn man von 100 auf 80 Prozent reduziert, muss die Arbeit effizienter werden. Wie hat das Ihren Blick auf das Thema Delegation verändert?
Ich habe gemerkt, dass man die Arbeit deutlich verdichten kann, jedoch fällt dadurch der informelle Austausch an der Kaffeemaschine oft weg. Mein wichtigstes Learning war, meinen Fokus darauf zu legen, dass Mitarbeitende klare Ziele haben und befähigt werden, diese zu erreichen. Sie profitieren davon, wenn man als Führungskraft nicht überall selbst Hand anlegt: Die Leute tragen mehr Verantwortung, stimmen sich eigenständig ab – etwa bei der Urlaubsplanung – und wachsen dadurch schneller. Am Ende wächst so auch das gesamte Unternehmen.
Haben Sie konkrete Tipps für andere Führungskräfte, wie dieses Loslassen in der Praxis gelingen kann?
Entscheidend sind vor allem eine gute Priorisierung und Vorbereitung: Ich bespreche vorher mit den Mitarbeitenden, was das Ziel für ein Projekt oder einen Termin ist, was die Erwartung ist und was sie dafür brauchen. Dann übernehmen die Mitarbeitenden (je nach Reifegrad) selbstständig die Projekte oder Termine. Das spart mir die Zeit, die ich sonst selbst in Terminen verbringen würde, öffnet Zeitfenster für gute Zielsetzung und ermöglicht den Mitarbeitenden gleichzeitig, sich zu entwickeln. Es hat sich gezeigt, dass Teams mit guten Zielen und klaren Regeln ein viel höheres Maß an Eigenständigkeit erreichen. Führung in Teilzeit kann also sehr gut funktionieren, wenn alle Beteiligten sich darauf einlassen und die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen werden.
Foto: Pixum


